Integrationsmodell für Schüler mit Migrationshintergrund – Potenziale wahrnehmen, wertschätzen und weiterentwickeln
Im Laufe der 104 Jahre seit Gründung der Ostheimer Schule veränderte die Welt sich drastisch. Entsprechend veränderten sich Unterrichtsmethoden, Lehrpläne und Lernumgebung. Kollegium und Schulleitung haben das Ziel, die Schule so zu gestalten, dass sie der heutigen Wirklichkeit entspricht.
Klare Strukturen wie Stufenteams sowie -sprecherinnen und -sprecher dienen der horizontalen wie vertikalen Vernetzung ebenso wie ein ausdiskutierter Organisationsplan und selbst definierte Entwicklungs- und Handlungsfelder. Die wertschätzende Gestaltung der inneren und äußeren Beziehungen wird bewusst angegangen. Die Steuerung durch Schulleitung und Schulentwicklungsgruppe verlangt viel Fingerspitzengefühl, um Vision und Wahrgenommenes in abgesprochene Entwicklungsschritte überzuführen. Personelle, zeitliche, räumliche und finanzielle Ressourcen tragen zur Arbeitszufriedenheit und -qualität bei und stellen wichtige Gelingensfaktoren dar. Messbare Ergebnisse von Unterricht und Schulleben ermöglichen eine positive Feedbackkultur und erhöhen die Arbeitszufriedenheit. Von der Gestaltung der Organisation und Institution Schule hängen auch ihr Ansehen und ihre Unterstützersysteme ab. Lehrpersonen werden zunehmend zu Lernbegleitern und -förderern, eine zunehmende Selbsttätigkeit der Lernenden wird erfahrbar. Das Kind steht im Mittelpunkt. Wir nehmen es mit all seinen reichhaltigen Facetten und Fähigkeiten wahr.
An der Grund- und Hauptschule (GHS) Ostheim lernen rund 620 Kinder und Jugendliche aus etwa 70 unterschiedlichen Ethnien friedlich zusammen. Die Schulstatistik registriert derzeit noch die Staatsangehörigkeit der Schülerinnen und Schüler, die an der GHS Ostheim mit 53 Prozent um 32 Prozentpunkte höher liegt als im Stuttgarter Durchschnitt (21,7 Prozent). Nach der zum Mikrozensus 2005 geschaffenen Definition des Statistischen Bundesamtes haben 78 Prozent der Ostheimer Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund.
Grundlegende Voraussetzung für erfolgreiches Lernen ist die Beherrschung der deutschen Sprache. 78 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund bedeuten einen großen Schatz an kultureller Erfahrung, der durch interkulturelles Lernen für alle sichtbar und erlebbar wird. Damit eröffnet das Spannungsfeld der interkulturellen Pädagogik: einerseits den Anspruch der prinzipiellen Gleichheit und andererseits den notwendigen Ausgleich ungleicher Voraussetzungen. Die Mitglieder der Schulgemeinde arbeiten fortlaufend an der Umsetzung dieser Erkenntnis.
So entstanden:
- eine gemeinsame Wertegrundlage – das Schulethos;
- fünf Leitziele:
- Kulturtechniken sicher erwerben;
- Schule als Lebensraum erleben;
- Sozialkompetenz erwerben – soziale Verantwortung übernehmen;
- Bildung als sinnstiftendes Ideal erfahren – positives Selbstbild entwickeln;
- äußere und innere Bedingungen in Übereinstimmung bringen; - drei Profilsäulen:
- die Sprache – Trägerin der Kultur und Kommunikation;
- Vernetzung in den Stadtteil – Pädagogisches Zentrum und tragfähiges Netzwerk;
- der Mensch und die Natur – vom Umgang mit uns selbst und unserer Umgebung; - das Schulprogramm als Konkretisierung des Schulcurriculums.
Förderkonzepte wie "Deutsch als Zweitsprache" erweisen sich als Schlüssel zum Lernerfolg in der Grundschule. Im Sprachförderprojekt für Kinder mit Migrationshintergrund erhalten Zweitklässlerinnen und Zweitklässler eine 1:1-Förderung von Logopädiestudierenden. Für das erfolgreiche Erlernen der Zweitsprache ist die Pflege der Erstsprache in Wort und Schrift erforderlich. Die Herkunftssprache Türkisch kann an unserer Schule parallel zum christlichen Religionsunterricht bei einem Muttersprachlehrer erlernt werden, Unterricht in Italienisch, Griechisch und der persischen Hauptsprache Farsi findet nachmittags statt. Die Lehrpersonen, die die Muttersprache unterrichten, kooperieren mit der deutschen Schule und bereiten Hauptschuljugendliche auf die in Baden-Württemberg mögliche Prüfung zur Zertifizierung einer von 15 Herkunftssprachen vor.
Das Erkennen der Mehrsprachigkeit als Wert zeigt neue Perspektiven hinsichtlich der Ausbildungs- und Berufsfähigkeit unserer Hauptschülerinnen und Hauptschüler auf. Der Austausch mit Partnerklassen im Ausland macht den Jugendlichen stets hautnah den Wert der Mehrsprachigkeit plausibel. Migrantenvereine als Partner der Schule bieten die Möglichkeit, Familien und ihren kulturellen Hintergrund zu verstehen und befördern zugleich das Selbstbewusstsein der Migrantenfamilien. Unsere weitreichendste Erfahrung in diesem Bereich haben wir in der Elternbildung. Interkulturelle Offenheit und Begegnung pflegen wir innerhalb des Stadtteils und durch Partnerschaftsprojekte mit Schulen in aller Welt, wobei unser Ziel ist, Partnerschaften zu allen zehn Stuttgarter Partnerstädten aufzubauen. Wir setzen direkt bei den Familien an und bieten – unterstützt von der Stadt Stuttgart – Mama-lernt-Deutsch-Kurse an, bei denen Frauen an zwei Schulvormittagen in der Schule inklusive Kinderbetreuung elementare Sprach- und auch Lese- und Schreibkenntnisse erwerben können. Für türkische Mütter gibt es noch ein weiteres kostenloses Angebot: die türkische Mütterschule. An einem Vormittag erklärt eine türkische Mitarbeiterin des Elternseminars der Stadt Stuttgart den türkischen Müttern in ihrer Sprache, wie sie ihr Kind stark machen können, wie das Schulsystem in Baden-Württemberg funktioniert, wie sich ein angemessener Kontakt zur Lehrerin und zum Lehrer des Kindes aufbauen lässt und vieles andere mehr.
Die Berufe, die unsere Hauptschülerinnen und Hauptschüler ergreifen, liegen zunehmend im Dienstleistungssektor. Neben den dafür notwendigen fachlichen Kompetenzen benötigen die Jugendlichen soziale Kompetenzen, die im Projekt "Sozial kompetente Schule Ostheim" wie im Elternhaus trainiert werden. Die globalen interkulturellen Softskills wie Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft, Offenheit, Toleranz und Einfühlungsvermögen stellen für viele Migrantenfamilien traditionelle Werte dar, die regelmäßig gepflegt werden.
Im Rahmen der kommunalen Schulentwicklung entstand ein Arbeitskreis "Interkulturelle Schulentwicklung". Die acht bislang teilnehmenden Schulen unterstützen und beraten sich gegenseitig und sind über die Projekte STARTKlar, LERNaktiv und ELMAS verbunden. Im Projekt STARTklar begleiten Seniorpartnerinnen und -partner mit großem ehrenamtlichen Engagement die Acht- und Neuntklässler auf ihrem Berufsfindungsweg. Dies geht weit hinaus über das gemeinsame Schreiben von Bewerbungen und Erkunden von Betrieben. Es reicht bis zur persönlicher Begleitung in allen denkbaren Lebensfragen und bis zur Erweiterung der Erziehungspartnerschaft auf eine weitere Generation, von der pubertierende Jugendliche häufig eher Ratschläge annehmen als von der Elterngeneration.
Über das Projekt LERNaktiv erhalten Hauptschülerinnen und Hauptschüler kostenlose Sprachförderung durch Studierende. Die Förderstudentinnen und -studenten arbeiten mit den Lehrpersonen zusammen und stellen für die Schule einen neuen "Personalpool" dar. Durch ihre Nähe zur Schule, durch mögliche Praktika und ihre Ausbildung bewerben sie sich teilweise auf die im Internet ausgeschriebenen Stellen an der Schule. Überdurchschnittlich viele dieser Förderstudentinnen und -studenten haben Migrationshintergrund und daher besondere Vorbildwirkung für unsere Jugendlichen.
Im Projekt INSPIRATION Ostheim nehmen Jugendliche den Bildungsweg ihrer Vorbilder bewusst wahr und suchen nach den eigenen Ressourcen. Workshops mit den Jugendidolen Afrob und Soulsänger Fetsum machen den zwölf dort beteiligten Jungen immer deutlicher ihre eigene Verantwortung für ihre Schul- und Ausbildung bewusst. Das Projekt stärkt ihr Selbstvertrauen in derartigem Maße, dass sich mittlerweile vier von ihnen, die nie in einem Sportverein waren, als Schulsportmentoren ausbilden ließen und eine Fußball-AG für Grundschüler leiten. Sowohl das Verhalten als auch die Mitarbeit im Unterricht verbesserte sich bislang bei allen Jugendlichen ebenso wie ihre fachlichen Leistungen.
Gudrun D. Greth, Schulleiterin an der Ostheimschule Stuttgart
Tipp:
Am 19. Februar 2008 von 9:30 bis 10:15 Uhr gibt Gudrun D. Greth gemeinsam mit einem Team der Ostheimschule Stuttgart am Landesstand des Kultusministeriums in Halle 5, Stand 5 A 71, zu diesem Thema konkrete Informationen.

