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SCHULPROJEKT


Bewerbungsportfolio – ein neuer Weg in die Ausbildung

Die Projektidee

Schülerinnen und Schüler des Berufsvorbereitungsjahres (BVJ) haben es in der Konkurrenz um einen Ausbildungsplatz oftmals schwer. Die Idee des Projektes ist es, Firmen dafür zu gewinnen, Ausbildungsplätze für diese jungen Menschen bereit zu stellen und ihnen durch das Projekt gleichzeitig die Mittel an die Hand zu geben, ihre zusätzlichen Potentiale, ihre persönlichen Stärken und Interessen sowie ihre Anstrengungs- und Leistungsbereitschaft  in einer neuen, direkten Form unter Beweis stellen zu können. Im Wechsel zwischen Arbeitshandeln im Betrieb und der Reflexion der Erfahrungen in der Schule entsteht ein Bewerbungsportfolio, das den individuellen Zugang zum Berufsbild aufzeigt und die "Erfahrungstiefe" des "Eigners" spiegelt. Ziel ist die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz in der von der Schülerin oder vom Schüler gewählten Firma unter Vorlage des Portfolios und der Präsentation der Praktikumserfahrungen. Das Portfolio wird so angelegt, dass es von den Beteiligten auch für eventuelle Bewerbungen an anderer Stelle genutzt werden kann. 

 

Das Pilotprojekt 2003/2004

Das Projekt wurde in Zusammenarbeit der "perpetuum novile gemeinnützige Schulprojektgesellschaft" aus Schwäbisch Hall, der "DaimlerChrysler AG Mannheim" und der Justus-von-Liebig-Schule Mannheim konzipiert und durchgeführt. Zwölf Schülerinnen und Schüler verschiedener BVJ-Klassen nahmen daran teil. Sieben Jugendliche durchliefen das Projekt bis zum Schluss und erreichten das Ziel: die Erstellung eines Portfolios und die Präsentation ihrer Erfahrungen bei DaimlerChrysler. Vier dieser Schüler erhielten schließlich einen Ausbildungsplatz als Fertigungsmechaniker. Die Azubis sind inzwischen in ihrem dritten Lehrjahr und haben sich nach Aussage der Ausbilder sehr bewährt.

 

Neue Wege seit 2004/2005

Nach dem Erfolg des Pilotprojektes  ging das Projekt in Schuljahr 2004/2005 in eine erweiterte "Runde". Neben DaimlerChrysler konnten als weitere Betriebe der Schmierstoffhersteller "Fuchs Petrolub" und der Ökosupermarkt "Alnatura" gewonnen werden. Als schulischer Partner kam die Hilda-Hauptschule neu hinzu. Diesmal führte der Weg für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über eine Bewerbungswoche, ein qualifiziertes Praktikum, die Reflexion und Darstellung der erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Arbeit an einem Bewerbungsportfolio und eine abschließende Präsentation zu einem der begehrten, von den Firmen von Beginn des Projektes an bereits reservierten Ausbildungsplätze. Besonderer Wert wurde in diesem Jahr auf die enge Verknüpfung zwischen dem zweimal einwöchigen Praktikum im Betrieb und dem schulischen Lernen gelegt. Wurde bereits am Arbeitsplatz in Form von Erkundungsaufträgen bewusst auf die Eigenständigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesetzt, so "antwortete" die Schule mit der Aufarbeitung der Erfahrungen im individualisierten Schreibprozess; unterstützt und begleitet durch Studentinnen der PH Freiburg des dortigen Schreib-Lese-Zentrums von Professor Gerd Bräuer. Das Portfolio entstand unter Anleitung von Herrn Andreas Hammon (Projektleiter perpetuum novile). Am 18. April 2005 präsentierten zehn Projektteilnehmer (eine Schülerin, neun Schüler) ihre Erfahrungen und ihr Bewerbungsportfolio in den Räumen der DaimlerChrysler AG Mannheim. Vor einem Publikum, das sich aus interessierten Lehrkräften, Ausbilderinnen und Ausbildern und weiteren interessierten Firmenvertretern zusammensetzte, wuchsen die Projektteilnehmer in der Darstellung ihrer Erfahrungen über sich hinaus.  Die insgesamt sechs bereit gestellten Ausbildungsplätze der beteiligten Firmen wurden alle an die Teilnehmer vergeben. Den vier Schülern, die im Anschluss an die Präsentation ohne Ausbildungsplatzzusage blieben, wurde das Angebot gemacht, sie bei der Vermittlung zu einem Ausbildungsplatz auf der Grundlage ihres Portfolios zu unterstützen.

 

Bewerbungswoche

Hierbei handelt es sich um einen neuen Baustein im Projekt, der erstmals im Jahre 2004/2005 erprobt wurde und sich bereits bewährt hat. Den Projektstart bildete ein "Marktplatz", an dem alle beteiligten Organisationen den Bewerbern Möglichkeiten zur Information boten. Insbesondere die Firmen stellten sich authentisch über eigene Azubis vor. So übernahmen zum Beispiel die vier erfolgreichen Teilnehmer des ersten Projektjahres diesmal die Aufgabe, "ihre" Firma DaimlerChrysler und das Projekt interessierten Schülern vorzustellen. Dadurch wurde erreicht, dass vom Projektstart an das Ziel des Projektes allen potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmern "vor Augen" stand. Auf den "Marktplatz folgte die "Schreibwerkstatt", in der die Bewerber eine "Visitenkarte" und damit ein erstes Modul für ein zukünftiges Portfolio erstellten (das auch unabhängig von einer Mappe weiter verwendet werden konnte). Es folgte der "Tag des Teamparcours", der von einem weiteren Kooperationspartner, dem Förderband e.V. Mannheim, durchgeführt wurde. Hier sollten die Bewerber zeigen, welche Kompetenzen sie in Situationen zeigen, in denen konkrete Ziele erreicht werden müssen und Zusammenarbeit gefordert ist. In einem nächsten Schritt nahmen alle Bewerber an einem Eignungstest bei DaimlerChrysler teil. (Der Test bildete keine Vorentscheidung, sondern nur ein weiteres Kriterium für die Auswahl der Teilnehmer.) Am Ende dieser Woche wurden insgesamt 35 Bewerbungsgespräche geführt. Anschließend wählte die Steuerungsgruppe in einer Sitzung die 15 Projektteilnehmer für das Jahr 2004/2005 aus. Hiervon erreichten Zehn die Ziele Portfolio und Präsentation.

 

Qualifizierung durch das Praktikum

Einen wichtigen Baustein des Gesamtprojektes bilden die zwei Praktikumswochen. Dass Arbeitshandeln wesentlich transferorientiertes Wissen birgt, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Die Frage ist nur, wie das intendierte Wechselspiel zwischen Lernen und Arbeiten gestaltet und wie, wenn der Anfang damit gemacht worden ist, es kontinuierlich verbessert werden kann. Als "Treiber" zwischen Schule und Betrieb fungiert an dieser Stelle perpetuum novile. Die Aufgabe der Projektleitung besteht darin, die Absprache und Koordination zwischen Schule und Betrieb so zu lenken, dass beide Seiten, sich gegenseitig qualifizierend, aufeinander zu bewegen. Folgende Arbeitsschritte sind nach Auswertung des abgeschlossenen Jahres ab dem Jahr 2005/2006 fester Bestanteil des Projektdesigns:

  • Schaffen einer Infrastruktur für das Lernen mit den beteiligten Firmen: Tätigkeiten werden ausgewählt und als Erkundungsaufträge für die Teilnehmer/innen formuliert.
  • Erstellen einer Anforderungsanalyse: Die ausgewählten Tätigkeiten werden mit dem Ziel analysiert, die in ihnen liegenden Lernchancen differenziert zu beschreiben und begrifflich zu erfassen.
  • Erarbeiten einer Fähigkeitenanalyse: Mit den Teilnehmer/innen werden Gespräche geführt, mit dem Ziel, die Voraussetzungen, die der Einzelne mitbringt und die Fähigkeiten, die er erwerben will, differenziert zu beschreiben und begrifflich zu erfassen. 
  • In den Schritten Einführung in den Erkundungsauftrag, selbstständiges Durchführen und Auswertung durchlaufen die Teilnehmer/innen die Aufgaben im Betrieb.
  • In der Schule werden die Erfahrungen nachbesprochen, die mitgebrachten Erstaufschriebe im Schreibprozess überarbeitet und für die Portfoliomappe aufbereitet.
  • Die ausgewählten und reflektierten Tätigkeiten sind Pflichtbestandteil des entstehenden Bewerbungsportfolios.
  • Eine Zwischenpräsentation dient insbesondere der Verbesserung der Reflexionsfähigkeit der Teilnehmer/innen. 
  • Damit soll an der Optimierung eines Modells für die Erschließung und methodische Gestaltung außerschulischer Lernorte und für die gleichzeitige Qualifizierung des schulischen Lernens gearbeitet werden.

 

Reflexive Praxis

Herzstück des Bewerbungsportfolios ist die Reflexion des eigenen Arbeitshandelns. Wie können wir nun diesen "strategischen Umgang mit sich im Umgang mit einer Sache" in den Schülerinnen und Schülern aufrufen und ihnen damit wesentliche Mittel im lebenslangen Lernprozess an die Hand geben? Um hier einen konkreten Einblick zu geben, wird eine Analyse, die Professor Gerd Bräuer (Schreib-Lese-Zentrum der PH-Freiburg) auf der Grundlage der im Schuljahr 2004/2005 von den Teilnehmern geschriebenen Reflexionen erstellt hat, hinzugezogen. Professor Bräuer unterscheidet sechs Niveaustufen, um die Reflexionsfähigkeit der Schüler differenzierter zu erfassen:

  1. Niveaustufen für schriftliche Reflexion:

    Der Aspekt wird ohne Einordnung in die Gesamthandlung und ohne Bezugnahme auf die eigene Leistung(sfähigkeit) beschrieben: "Wir mussten Löcher bohren."
  2. Der Aspekt wird als Teil einer Gesamthandlung verstanden, aber nicht auf die eigene Leistung(sfähigkeit) bezogen: "Wir mussten Löcher bohren, die für eine Schraubverbindung mit dem Teil XYZ gebraucht werden."
  3. Der Aspekt wird als Teil einer Gesamthandlung verstanden und auf die eigene Leistung bezogen, jedoch ohne Aussagen zur Qualität der Leistung zu machen: "Ich habe Löcher für die  Schraubverbindung mit dem Teil XYZ gebohrt."
  4. Der Aspekt wird als Teil einer Gesamthandlung verstanden und auf die eigene Leistung bezogen. Es werden Aussagen zur Qualität der eigenen Leistung gemacht, jedoch ohne Blick auf Handlungsalternativen: "Ich habe Löcher für die  Schraubverbindung mit dem Teil XYZ gebohrt. Leider haben die Schrauben nach dem ersten Versuch nicht gepasst und ich musste nachbohren."
  5. Der Aspekt wird als Teil einer Gesamthandlung verstanden und auf die eigene Leistung bezogen. Es werden Aussagen zur Qualität der eigenen Leistung gemacht und Handlungsalternativen angeboten: "Ich habe Löcher für die  Schraubverbindung mit dem Teil XYZ gebohrt. Leider haben die Schrauben nach dem ersten Versuch nicht gepasst und ich musste nachbohren. Beim nächsten Mal werde ich vor dem Bohren die Größe des Bohrers überprüfen.
  6. Der Aspekt wird als Teil einer Gesamthandlung verstanden und auf die eigene Leistung bezogen. Es werden Aussagen zur Qualität der eigenen Leistung gemacht und Handlungsalternativen angeboten. Es wird die entsprechende Kompetenz erkannt: "Ich habe Löcher für die  Schraubverbindung mit dem Teil XYZ gebohrt. Leider haben die Schrauben nach dem ersten Versuch nicht gepasst und ich musste nachbohren. Beim nächsten Mal werde ich vor dem Bohren die Größe des Bohrers überprüfen. (...) Wie meine Probleme beim Bohren gezeigt haben, erfordert die Arbeit des Fertigungsmechanikers vorausschauendes Handeln durch Prüfen."

 

Portfolio

Ein Portfolio ist zunächst einfach eine Mappe mit Schülerarbeiten. Im Gegensatz zu der verbreiteten Form eines Leistungsnachweises mittels Zeugnis (und Zertifikat) soll es dem Adressaten einen direkten Einblick in die tatsächliche Arbeit seines Eigners ermöglichen. Diese ursprünglich in Künstlerkreisen verankerte Form direkter Leistungsvorlage wird inzwischen um wesentliche weitere Elemente ergänzt. Aus der Vielzahl vorhandener Definitionen zu Portfolio wird folgende ausgewählt :

Ein Portfolio ist eine zielgerichtete und kontextbezogene Auswahl von Arbeiten, die die individuellen Bemühungen, Fortschritte und Leistungen der/des Lernenden in schulischen und außerschulischen Lernbereichen darstellt und reflektiert.

Greifen wir die Elemente der Definition zum Zwecke ihrer näheren Erläuterung heraus. Zunächst die Kontextbezogenheit: Damit ist der schlichte Umstand bezeichnet, dass eine Mappe sich an einen Leser richtet. Schlägt man die Portfolios unseres Projektes 2004/2005 auf und beginnt darin zu lesen, erfährt man bereits im Vorwort etwas, was die Mappen im Jahr zuvor noch nicht enthielten, dass nämlich ihr Hersteller mit "mir" als Leser in Kontakt tritt. "Ich" werde angesprochen. Insofern also ist Portfolio eine Schülerleistung, die den Kreis möglicher Adressaten weiter zieht als bis zum üblichen einen Lehrer, der die Schülerleistung beurteilt. Darüber hinaus stellt die Mappe ein Instrument dar, um unterschiedlichste  Ziele erreichen zu können. In unserem Fall dient sie der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz. Auch das geht aus dem Vorwort hervor. Im Herzstück dann, der Reflexion, spiegeln sich die in der Definition so genannten Bemühungen, Fortschritte und Leistungen. Damit soll die einseitige Gewichtung auf die Ergebnisse des Lernens zugunsten der wesentlicheren Frage verschoben werden, wie der Betroffene mit Erfolgen und Schwierigkeiten seines Lernprozesses umgegangen ist. Kommt noch der außerschulische Bereich hinzu. Auch der ist inzwischen vertreten. Es gibt Portfolios, in denen die Teilnehmer unseres Projektes mittels Foto und Kommentar Auskunft darüber geben, dass sie auch dann lernen, wenn sie nicht in der Schule sind. Bleibt noch das Darstellen. Mit Darstellen ist zweierlei gemeint. Zunächst die Präsentation: eben der Umstand, dass die Teilnehmer ihre Erfahrungen Zuschauern und Zuhörern zugänglich machen. (Das haben sie zwischen PowerPoint und freier Rede in beiden Jahren alle mit Bravour vorgeführt .) Darstellen heißt aber auch, dass die vorgelegten Portfolios gestaltet werden. So nachdrücklich, dass man ihnen als Betrachter von außen bereits ansehen kann, was Unterschiedliches in ihnen steckt. So hat das Bewerbungsportfolio für DaimlerChrysler ein durchaus unterschiedliches Gepräge gegenüber dem für Fuchs petrolub oder Alnatura. Motoren, Schmierstoffe und Ökoprodukte unterscheiden sie sich eben in der Art ihrer Darstellung mittels Portfolio. Dennoch: die Mappe hat eine feste, eine verlässliche Struktur. Sie ist also vielfältig und einheitlich zugleich. 

 

Entwicklungsverlauf des Projekts

Im Schuljahr 2005/2006 nahmen 16 Schüler der Justus-von-Liebig-Schule Mannheim und der Luzenbergschule Mannheim am Projekt teil, von denen acht einen Ausbildungsvertrag erhielten. Neben "DaimlerChrysler" und "Alnatura" waren "Lindy Electronics Mannheim" und "Bäckerei Kuhtz Mannheim" Partnerbetriebe.
Im laufenden Schuljahr 2006/2007 durchlaufen 18 Mannheimer BVJ-Schüler bei "DaimlerChrysler", "Alnatura", "Douglas", "Ikea", "Victoria Versicherungen" und "ABB Training Center GmbH" ihre Praktika, arbeiten an ihren Portfolio-Mappen und bereiten ihre große Abschlusspräsentation vor, durch die sie sich einen Ausbildungsplatz sichern können.
Gleichzeitig betreibt "perpetuum novile" die Ausgestaltung dieses Projektes zum Modell und damit den Transfer an weitere Standorte. Seit dem Schuljahr  2006/2007 geschieht dies in Karlsruhe.


Autoren: Rüdiger Iwan Perpetuum Novile; Jordan Arnold-Sandmann, Abteilungsleiter Berufsvorbereitungsjahr, Justus-von-Liebig-Schule Mannheim