Bildungskongress Karlsruhe 2005 - Werkstatt 8 "Evaluation an Schulen"
Der von der Journalistin der Stuttgart Nachrichten, Susanne Neib, moderierte Workshop widmete sich dem Thema "Qualitätsentwicklung und Evaluation" in Baden-Württemberg, das seit geraumer Zeit die Öffentlichkeit und die Schulen unseres Landes beschäftigt. Ziel der Werkstatt war es daher, einen breiten Überblick zu geben über die derzeitige Konzeption von Qualitätsentwicklung in Baden-Württemberg, dies durch Praxisbeispiele zu illustrieren und zugleich aber auch einen Blick über die Grenzen zu werfen in die Schweiz, wo Verfahren der Evaluation in Schulen schon eine etwas längere Tradition besitzen.
Der für den Bereich Evaluation und Qualitätsentwicklung zuständige Fachbereichsleiter am Landesinstitut für Schulentwicklung, Dr. Klaus Teichmann, stellte in einem kurzen Impulsreferat den ca. 60-70 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Konzeption von Evaluation und Qualitätsentwicklung in Baden-Württemberg vor. Er betonte dabei insbesondere, dass Evaluation in erster Linie als Verfahren zu betrachten ist, das eine dienende Funktion hat für Qualitätsentwicklung an Schulen. Im Rahmen der Diskussion wurde von Teilnehmern auch darauf hingewiesen, dass es besser sei von Qualitätsweiterentwicklung, statt nur von Entwicklung zu sprechen. Denn die Schulen in Baden-Württemberg verfügten bereits über Qualität, die nicht erst entwickelt werden müsste.
Klaus Teichmann wies darauf hin, dass bereits die Bildungsplanreform 2004 des Landes mit der Ausgestaltung größerer pädagogischer Freiräume für Schulen auch die Einführung von Evaluation als Verfahren zur Rechenschaftslegung und zur systematischen Feedback-Kultur in den Blick genommen hat.
Baden-Württemberg sieht ein zweistufiges Verfahren vor, das sich aus regelmäßiger Selbstevaluation und einer in größerem Abstand sich anschließenden Fremdevaluation, die einen Blick von außen auf die schulischen Systeme und ihre Ergebnisse wirft, zusammensetzt. Als Grundlage für die Selbstevaluation von Schulen dient der Orientierungsrahmen für den allgemein bildenden Bereich, im beruflichen Bereich ist die Konzeption von Q2E (Schweizer Modell, Qualität durch Evaluation und Entwick-lung) Grundlage des derzeitigen Modellprojekts der OES-Schulen (operativ eigen-ständige Schulen).
Herr Teichmann erläuterte, wie derzeit am Landesinstitut die Qualifizierung der ers-ten 17 Evaluatorinnen und Evaluatoren durchgeführt wird und wie das weitere Ver-fahren gestaltet sein wird. In den anschließenden Fragen wurde deutlich, dass die Ebene der Unterstützung der Schulen bei diesem Prozess, aber auch die Frage nach den Konsequenzen, die aus Evaluationen entstehen – oder nicht -, die Lehrkräfte stark umtreibt.
Frau Rektorin Marie-Luise Schwerdel von der Realschule Waibstadt berichtete aus der eigenen Erfahrung, wie die Lehrerinnen und Lehrer an ihrer Schule durch wech-selseitige Besuche im Unterricht, die von der Schulleitung sehr gefördert werden, erste Schritte zur internen Evaluation unternehmen. Im Rahmen des Projekts "Sixpack for your life" mit den externen Kooperationspartnern Naturfreunde Neckarbi-schofsheim und der Jugendhilfe Baden-Württemberg wurde die Schnittstelle "Übergang von der Schule in den Beruf" in den Blick genommen.
Im Rahmen der Evaluation dieser Projektarbeit wurde erkannt, an welchen Knack- und Gelenkpunkten es Schwierigkeiten gab. Um die Qualität der Schule weiter zu entwickeln und zu systematisieren, hat sich die Realschule Waibstadt als Praxisfeldschule für die Qualifizierungsphase der Fremdevaluatorinnen und Fremdevaluatoren des Landesinstituts bereit erklärt und hierbei einen externen Blick durch ein Team erfahren. Die Schule hat diesen Feedback-Blick des Evaluationsteams als sehr konstruktiv und wichtig für die eigene weitere Arbeit erlebt. Zum einen wurde das "Wir-Gefühl" der Schule und das Selbstbewusstsein der Lehrkräfte gefördert und zugleich ein Horizont aufgemacht bezüglich der Frage, welche Qualitätsanforderungen an einen selbst gestellt werden und wie weit diese auch bereits erreicht wurden.
Herr Oberstudiendirektor Wolfgang Seifert von der Zentralgewerbeschule Buchen erläuterte die Zertifizierung seiner Schule nach der DIN-ISO 9001-2000er Fassung. Dies ist eine allgemeine Norm zur Zertifizierung von Arbeitsorganisationen, wobei der Rahmen vorgegeben ist, jedoch auf das jeweilige System angepasst wird. Eine erfolgreiche Zertifizierung der Schule erfolgte im April 2003 und wird jährlich durch eine weitere Überprüfung ergänzt; alle 3 Jahre erfolgt ein so genanntes Hauptaudit, d.h. die Zertifizierung der Schule erfolgte und erfolgt auf Zeit. Die Kosten von ca. 9 000,- € für ein Haupt- und zwei Nebenaudits muss die Schule selbst tragen.
Herr Seifert sieht als Hauptmerkmale dieser Zertifizierung und Evaluierung, dass bei der Schule größere Handlungssicherheit bei Verwaltungsabläufen entsteht. Über die Bildung von Arbeitsgruppen können wesentliche schulische Abläufe wie die Vorbereitung von Projekttagen sinnvoller durchgeführt werden.
Auch hierbei wurde im Rahmen der Diskussion deutlich, dass solche Prozesse Zeit brauchen und die grundlegenden Veränderungen, die dafür erforderlich sind, in erster Linie Veränderungen sind, die sich in den Köpfen der Lehrkräfte abspielen und entwickeln müssen.
In seinem Vortrag über das Luzerner Modell "Schulen mit Profil" machte Dr. Charles Vincent vom Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern deutlich, wie in Luzern seit Jahren Prozesse des Qualitätsmanagements und der schulischen Evaluation aufgebaut sind. Dabei wurde auch klar, dass wesentliche Rahmenbedingungen in der Schweiz sich von denen in Baden-Württemberg unterscheiden. So ist das Beamtenverhältnis beispielsweise aufgehoben. Zudem haben Schulleitungen, die an größeren Schulen unterrichten, keine weiteren Unterrichtsverpflichtungen mehr.
Insgesamt zeigt sich, dass der Evaluationsprozess im Kanton Luzern mit einer deutlichen Ressourcenunterstützung angestoßen wurde, die mittlerweile auch zu Einsparungen auf der Verwaltungsebene führte.
Evaluation als systematische Feedback-Kultur lässt sich aus komplexen Systemen nicht mehr wegdenken. Es gilt nun, die Erfahrungen mit der Einführung dieser Kultur der Rechenschaftslegung und systematischen Kommunikation über pädagogische Sachverhalte zu sammeln und zugleich eine breite Basis bei den Schulen zu entwickeln, die dem Konzept die Akzeptanz schafft, die für eine sinnvolle Umsetzung erforderlich ist.

