Datum: 14.09.2005
Neue Initiative zur "Rauchfreien Schule"
Kurzbeschreibung: Kultusstaatssekretär Rau: Schule soll zum Sprungbrett in ein nikotinfreies Leben werden
„Schule soll für junge Menschen zum Sprungbrett in ein nikotinfreies Leben werden. Der erste Satz einer rauchfreien Schule heißt deshalb: Niemand raucht das gilt für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, schulische Angestellte und Besucherinnen und Besucher. Der Tabakverzicht soll dabei nicht von zentraler Stelle aus erzwungen werden. Wir setzen auf das freiwillige Engagement vor Ort und die Selbstverpflichtung der Schulen“, sagte Kultusstaatssekretär Helmut Rau MdL am Mittwoch (14. September) in Stuttgart.
Prävention und Ausstiegshilfe stehen im Mittelpunkt
„Deutsche Jugendliche nehmen beim Zigarettenrauchen im internationalen Vergleich einen traurigen Spitzenplatz ein“, betonte Dr. Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabstelle Krebsprävention beim dkfz. Am Ende der Schulpflicht, im Alter zwischen 16 und 17 Jahren, rauchen nach den Angaben der "Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung" (BZgA, 2005) 20 Prozent der Jugendlichen. Das durchschnittliche Einstiegsalter in Deutschland beträgt laut BZgA derzeit 13,6 Jahre. Hinzu komme, dass deutsche Jugendliche im Vergleich zu anderen europäischen Ländern auch besonders häufig rauchten. „Ein wirksames schulisches Konzept muss deshalb bei der Prävention ansetzen und gleichzeitig Hilfestellungen beim Ausstieg anbieten“, betonte Kultusstaatssekretär Rau. Er zeigte sich zuversichtlich, dass die Ausstiegshilfen auch angenommen werden. Er verwies auf Befragungen der BZgA, wonach rund 60 Prozent der 12- bis 25-Jährigen mit dem Rauchen aufhören wollen. Vor diesem Hintergrund werde die geplante Handreichung Modelle zum Ausstieg aus dem Zigarettenkonsum vorstellen, darunter die Projekte "Rauchfreie Schule" und "Stop smoking boys, stopp smoking girls" der BZgA, Aussteigerkurse des Badischen Landesverbands für Prävention und Rehabilitation (blv) sowie Angebote der Krankenkassen für Erwachsene.
Neue Fachstelle als Anlauf- und Servicestelle für die Schulen
Kultusstaatssekretär Rau sieht in der neuen "Fachstelle Gesunde Schule" eine zentrale Anlauf- und Servicestelle für die Schulen. „Mit der Handreichung erhalten die Schulen ein umfangreiches Ideen- und Aktionspaket. Aufgabe der Fachstelle ist es, den Schulen bei der Entwicklung und Umsetzung eines konkreten Konzepts zur Seite zu stehen.“ Die Fachstelle ist mit zwei Lehrkräften in Teilzeit besetzt. Das Kultusministerium übernimmt darüber hinaus die laufenden Kosten. Das dkfz sorgt für die räumliche und technische Ausstattung und stellt zu Beginn der Arbeit der Fachstelle eine Sozialwissenschaftlerin zur Verfügung. Die Fachstelle wird in Kürze ein gemeinsam mit dem dkfz erstellten Fragebogen an die Schulen übersenden. Ziel sei es, einen aktuellen Überblick zu gewinnen, wie viele Schulen in Baden-Württemberg bereits rauchfrei sind. Im laufenden Schuljahr 2005/2006 liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf dem Thema "Rauchfreie Schule". Für die kommenden Schuljahre sollen auch andere gesundheitsrelevante Themen, etwa Ernährungsfragen, in Zusammenarbeit mit dem dkfz und anderen Fachleuten bearbeitet werden.
Eine erste Orientierung zum Thema "Rauchfreie Schule" bietet ein Themenheft der Reihe "Informationsdienst zur Suchtprävention", herausgegeben vom Regierungspräsidium Stuttgart, mit wissenschaftlichen Artikeln und Hinweisen zur Umsetzung der "Rauchfreien Schule". Das Themenheft ist bereits an die Schulen versandt worden.
Schulteams sollen für nachhaltiges Engagement sorgen
Wichtig sei der Aspekt der Nachhaltigkeit. Elemente eines auf Dauer angelegten Konzepts zur "Rauchfreien Schule" könnten die Verankerung des Themas "Nichtrauchen" im Schulcurriculum sowie regelmäßige Multiplikatorenschulungen und das Angebot von Lebenskompetenzprogrammen sein. Bei der Entwicklung und Umsetzung schulischer Initiativen setzt Rau auf die Bildung von Schulteams aus Schülern, Lehrern und Eltern. „Ein von Einzelkämpfern erzeugtes Strohfeuer aus kurzfristigen Aktionen hilft nicht weiter. Von den Schulteams erwarte ich mir, dass der anfängliche Schwung in ein dauerhaftes Engagement übersetzt wird.“ Als „Initialzündung“ für den Einstieg in die "Rauchfreie Schule" biete sich die Teilnahme am europaweiten Wettbewerb "Be Smart - Don't Start" an, der vom Kultusministerium finanziell unterstützt wird. Schulen, die an dem Wettbewerb teilnehmen, sollen mit einem Preis ausgezeichnet werden. Im Frühjahr 2006 soll den Schulen die Möglichkeit eröffnet werden, sich im Rahmen einer gemeinsam mit der ajs ausgerichteten Fachtagung über bereits umgesetzte Konzepte zu informieren und sich auszutauschen.
Skepsis gegenüber schärferen gesetzlichen Regelungen
Kultusstaatssekretär Rau verwies darauf, dass an Baden-Württembergs Schulen bereits ein grundsätzliches Rauchverbot bestehe. Erlaubt seien die Einrichtung von Raucherlehrerzimmern und so genannten Raucherecken für Schülerinnen und Schüler ab der 11. Klasse. Dies bedeute, dass faktisch nur Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe in einem bestimmten Bereich des Schulgeländes rauchen dürften. Skeptisch äußerte sich Rau über die Wirksamkeit eines umfassenden gesetzlichen Rauchverbots an Schulen. Dies sei auch nur „in zweiter Linie“ eine Frage des Kontrollaufwands und möglicher Sanktionen. Berichte aus den Schulen bestätigten, dass ältere Schülerinnen und Schüler, die rauchen dürfen, bei einem umfassenden schulischen Rauchverbot das Schulgelände verlassen würden und in direkter Nähe zur Schule rauchten.
Rau weiter: „Ohne ein Mindestmaß an Einsicht, Überzeugung und Konsens geht es nicht. Wir wollen eben nicht nur die rauchfreie Schule, sondern junge Menschen, die dauerhaft und überall auf das Rauchen verzichten.“
Auch Elternhaus steht in der Verantwortung
Das Elternhaus nimmt nach Ansicht des Kultusstaatssekretärs eine „Schlüsselrolle“ bei der Tabakprävention ein. Der stärkste Einflussfaktor für die Häufigkeit des Zigarettenkonsums sei ein rauchendes Familienmitglied. Kinder mit rauchenden Eltern oder Geschwistern würden eher Zugang zu Zigaretten finden, probierten häufiger das Rauchen und neigten eher dazu, gewohnheitsmäßige Raucher zu werden. Bereits vor diesem Hintergrund würden die Grenzen eines umfassenden gesetzlichen Rauchverbots an Schulen deutlich. Dr. Martina Pötschke-Langer unterstrich ebenfalls die Bedeutung des Elternhauses für den Einstieg in das Rauchen. Gewohnheiten wie Rauchen, aber auch Ess-, Trink-, Konsum- und Arbeitsverhalten bildeten sich in Kindheit und Jugend aus. Erlerntes Verhalten wie das Rauchen könne jedoch durch die Schule beeinflusst werden, zeigte sich die Leiterin der Stabstelle Krebsprävention beim dkfz zuversichtlich. Neben der Familie nehme die Schule großen Einfluss auf die Entwicklung junger Menschen. Deshalb spiele die Schule für die Gesundheitsförderung Jugendlicher eine wichtige Rolle. „Eine ungesunde Gewohnheit wie das Rauchen wieder abzulegen, erfordert enormen Aufwand. Schule muss deshalb Lernenden und Lehrenden eine rauchfreie Umwelt gewährleisten.“

