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Wie lernt unser Gehirn?

Teilnehmer:
Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer, Schulamtsdirektor
Helmut Wesche, Freiburg, Psychologiedirektor
Udo Ebert, Karlsruhe

Moderation:
Helmut Wesche

Dass Frontalunterricht mehr als 120 Zuhörerinnen und Zuhörer in einem zu kleinen "Klassenzimmer" 90 Minuten fesseln kann - dies war vor allem das Verdienst von Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer, Universität Ulm, der ein gespanntes Auditorium über neue Ergebnisse der Hirnforschung informierte, insbesondere jene neuen und teilweise revolutionären Ergebnisse in den Vordergrund stellte, die mit einem Bezug zum menschlichen Lernen Hilfen geben können für das Lernen von kleinen Kindern, das Lernen in der Schule, die Möglichkeit des lebenslangen Lernens usw.

Schulamtsdirektor Helmut Wesche, Freiburg, als Moderator und Psychologiedirektor Udo Ebert, Karlsruhe, stellten die Verbindung zu dem Lernort Schule dar.

Wie funktioniert das Gehirn? Die etwa 20 Milliarden Nervenzellen des Großhirns sind mit jeweils bis zu 10 000 anderen Nervenzellen verbunden, bilden ein Netzwerk, das alles Denken, Lernen, Fühlen und Handeln hervorbringt und das anpassungsfähigste Organ ist, das der Mensch (alle Lebewesen) besitzt. Das Gehirn kann sich durch Lernen immer wieder auf neue Anforderungen einstellen, es zeichnet sich durch eine solch hohe Plastizität aus, dass immer wieder neue Aufgaben übernommen werden können.
Lernt zum Beispiel ein Erblindeter die Blindenschrift, indem er mit dem rechten Zeigefinger die Braille-Zeichen ertastet, wird im Gehirn der rechten Zeigefingerkuppe ein größeres sensorisches Areal zugeordnet.

Das Gehirn bildet sich seine Regeln selbst: Jede Einzelerfahrung wird registriert, im Hippocampus gespeichert, weitergegeben an die Großhirnrinde, dort zusammengefasst mit anderen Einzelerfahrungen, abstrahiert und endgültig abgespeichert.
"Predigen nützt überhaupt nichts!" so Dr. Spitzer - Kinder lernen grammatikalische Regeln, indem sie immer wieder deren richtige Anwendung hören und lesen, und einige wenige falsche schaden dabei nicht - die Regel dazu begreifen sie erst, wenn sie erwachsen sind.

Kinder lernen Demokratie, indem sie das Miteinander praktisch erproben, sich zuhören, sich tolerieren, Konflikte gewaltlos lösen, Dinge miteinander planen usw. - die Regeln der Demokratie bilden sich daraus im Gehirn. Mit Erwachsenen können die Regeln dann diskutiert werden.

Und vor allem betont Dr. Spitzer, dass ungesunder Stress dem Lernen abträglich ist, Angst sei eine gute Voraussetzung für Fluchtverhalten, nicht jedoch für Lernen; eine entspannte Atmosphäre sei sehr viel geeigneter, vor allem diene Ruhe und Entspannung dazu, gelernte Einzelheiten vom Gehirn ordnen zu lassen und an der richtigen Stelle im Cortex zu speichern.

Der Referent empfiehlt den das Lernen Planenden dringend, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, die teilweise erst in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, für schulische und elterliche Erziehung und Bildung zu berücksichtigen. Er macht auch deutlich, dass das Gehirn keine Fehlentwicklungen selbst vermeiden kann: Dutzende von Pokemons zu erlernen oder andere Gehalte einer geschäftstüchtigen Welt - das sei für die spätere Lebensführung nicht wichtig, eher schädlich, es sei besser, Kinder mit den realen Dingen dieser Welt zu konfrontieren - aber jeweils als Einzelerfahrung, ohne Regeln zu predigen!